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06. Februar 2012, 15:04:58
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"Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen."

Dass diese Volksweisheit durchaus ihren wahren Kern hat, wurde mir in den letzten neun Monaten, in denen ich auf "Freiersfüßen" zwischen Köln und Berlin unterwegs war, nur zu bewusst. Nicht, dass ich übermäßig große Probleme mit der Bahn gehabt hätte. Tatsächlich hatte ich in der ganzen Zeit nur ein einziges Mal eine Verspätung zu beklagen, die der Bahn aber angesichts eines ausgewachsenen Schneesturms und seiner Folgen durchaus zu verzeihen war. Vielmehr kam ich während meiner rund 30 Bahnfahrten in den Genuss einiger Mitmenschen, wie sie manchmal typischer, manchmal skuriler nicht sein konnten!

Natürlich möchte ich Euch meine Erlebnisse nicht vorenthalten und habe einige dieser "zwischenmenschlichen Begegnungen" nachfolgend zur allgemeinen Belustigung festgehalten. Bevor ich aber so richtig vom Leder ziehe, möchte ich mich schonmal im voraus entschuldigen, falls ich die eine oder andere "Randgruppe" ein bißchen durch den Kakao ziehe. Natürlich kann man nicht alles verallgemeinern...

Wellkamm tu se Ecksbo Siti Hannover.

Wie jedem Steuerzahler leidvoll bekannt, fand im letzten Jahr in Hannover die Weltausstellung statt, was mir als Bahnfahrer nicht nur herzerfrischend schulenglische Durchsagen der Zugchefs, sondern auch ewig überfüllte Züge und den unfreiwilligen Kontakt mit Scharen von ICE-fahrenden Expo-Besuchern bescherte.

High-Tech-Kellys.

Interessant hierbei war die Erkenntnis, wer in unserem Lande tatsächlich die Zeit und vor allem das Geld hatte, sich den Luxus der Expo zu gönnen. Unvergessen bleiben wird mir auf ewig die Kelly-Family-artige Truppe familiär und freundschaftlich verbandelter Jesuslatschenträger, die invasionsartig mit mindestens vier dutzend Plastiktüten (Koffer, was ist das?) den halben Wagen mit Beschlag belegten und eifrig über ihren immerhin fünften Expo-Besuch diskutierten. Nichts gegen einzuwenden, sollte man meinen, hätten sich die beiden Herren der Sippschaft nicht darüber aufgeregt, dass die Sozialhilfe in Deutschland nach zwölf Jahren Karriere als Arbeitsloser auch nicht mehr das sei, was sie mal war! Derlei hochtrabender Diskussionen überdrüssig, stopften sich die lieben Kleinen mit so klangvollen Namen wie "Loona" und "Maya" lieber die Ohrhörer ihrer Sony Discmans in die Ohren. Und als der arme arbeitslose Papa dann irgendwo vor Wolfsburg sein Apple Powerbook auspackte, wurde mir klar, dass ich in meinem Leben arbeitstechnisch wohl irgendwas falsch machen muss!

(Un)dressierte Kinder.

Natürlich gab es auch aufrechte bürgerliche Familien mit wohlerzogenen Kindern. Wie zum Beispiel dieses Ehepaar, die ihren kleinen Sohn so gut dressiert hatten, dass er auf Kommando aß, schlief, lachte und sämtliche Sehenswürdigkeiten der Expo auswendig aufzusagen wußte. Dabei bekam er bei jeder seiner Aktionen von Papa die Hintergründe seiner Handlungen sozialpädagogisch erörtert. Und das in einer überkorrekten Aussprache, dass ich mich wunderte, wieso in Gottes Namen diese Familie aus Hannover wegfuhr...

Nervte hier noch mehr der Papa, waren es im Regelfall doch eher die Teppichratten selbst. Neben der Gattung der herzallerliebsten Quälgeister waren es vor allem die von Michael Mittermeier so liebevoll als Arschlochkinder bezeichneten Ableger, die meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Vor allem der nette Enkel, der seine völlig überforderte Oma geradezu stabsplanmäßig fertig machte, indem er entweder all das haben wollte, was gerade jemand aus dem nahegelegenen Zugbistro durch den Wagen schleppte ("Ich will ein Eis!", "Ich will ein Würstchen!", "Ich will ne Cola!"), oder dass er seine Oma dazu zwang, per verlinktem Gameboy mit ihm Pokemon in der rotweißblaugestreiften Super-Special-Edition zu spielen. Ihre offensichtliche Unkenntnis darüber, wie herum man so einen Gameboy hält, quittierte er mit einem verächtlichen "Hach Mann, Oma, bist Du doof!". Oma konnte einem wirklich leid tun...

Luft anhalten bitte!

...ganz im Gegenteil zu der Oma, die sich eines Tages neben mich setzte und sich etwa alle 10 Minuten auf's neue mit einem billigen Parfum einnebelte. Wenigstens passte der Geruch zum Outfit: einfach geschmacklos. Nach anderthalb Stunden chemischer Kriegsführung stieg sie in Hannover endlich aus. Nutze aber nix, ich stank wie ein Pimpf! Weiß der Geier, was später zugestiegene Fahrgäste wohl von mir dachten...

Wo wir gerade bei Gerüchen sind... Es war schon manchmal unfassbar, was sich da so mancher Reisender im Großraumwagen unter der Nase reinschob - und selbige der Mitreisenden dadurch belästigte! War der Duft frischgeschälter Orangen noch relativ angenehm, rochen diverse Eier-, Fisch- und Käsesalate nach Durchquerung des Expogeländes dagegen schon ziemlich penetrant. Was sich eins zu eins auch auf die Füße dieser netten Mitmenschen übertragen ließe, die nach so einem anstrengenden Tag natürlich dringend Frisch(?)luft benötigten... Das ganze wurde dann überlagert vom Duft eines frischgebratenen halben Hähnchens. Hmmm, lecker!

Gut Holz!

Am 30. Oktober machte ich ein dickes rotes Kreuz in den Kalender: Ende der Expo! Nun sollte doch alles besser werden, oder? Denkste! Zwar gehörten Vagabundenhorden und Familienausflüge der Vergangenheit an, dafür stürmte eine bis dahin von der Zugbenutzung ausgeschlossene Spezies der Nichtplatzkarteninhaber den ICE: Soldaten! Fortan waren die Gänge nur noch mit großen Schritten zu durchqueren und die Toiletten nur nach freundlicher Nachfrage, ob der Seesack eventuell auch woanders stehen könne, zu benutzen. Hin und wieder sorgten diese Tarnkappenschnarcher aber auch für Belustigung. So etwa, als zwei von ihnen inmitten eines rund 20-köpfigen Kegelclubs saßen, die offensichtlich von ihrer Kegeltour heimfuhren. Die Papp-Paletten mit den Bierdosen waren schon merklich geleert, als der "Präschident" dieses Vereins auf die gloreiche Idee kam, jetzt und hier über die neue Postenverteilung für das nächste Jahr abzustimmen und jede Verleihung mit dreimal "Gut Holz!" zu bekräftigen. Dass er in dem angetrunkenen Zustand überhaupt noch zählen konnte, gereichte ihm zur Ehre, brachte ihn aber beinahe um den restlichen Verstand, da er immer wieder feststellen musste, dass er ein oder zwei Stimmen zuviel hatte. Es dauerte schon eine ganze Weile, bis er endlich begriff, was der Rest des Wagens schon längst mit heftigem Gelächter belohnte: die zwei Soldaten inmitten der Kegler hatten dienstbeflissen mitgestimmt. Nach der Enttarnung wurden die Zwei erstmal zwangsalkoholisiert...

Muppet-Show.

Das bizarrste Erlebnis hatte ich während einer Fahrt nach Berlin, für die ich nur noch einen mittleren Platz im Abteil ergattern konnte. Ich war zunächst allein, aber schon ein paar Minuten später kam mein erster Mitreisender ins Abteil: Riesenbaby! Den Namen hatte er noch in der selben Sekunde weg, denn mir gegenüber saß ein etwa 1,90m großer, pausbäckiger, rothaariger und noch ziemlich junger Kerl. Wie sich jedoch herausstellte, sollten wir uns trotz ständig kollidierender langer Beine sogar ohne Worte prächtig verstehen. In Düsseldorf wurde es dann voll im Abteil. Zu meiner Linken und somit am Fenster setzte sich eine Vertreterin der Jesuslatschenpartei, streifte selbige aber gleich von den Füßen um ihre Schweißmauken sodann quer durchs Abteil an Riesenbaby's Sitz zu parken. Nun ja, sein Problem, dachte ich mir. Zu meiner Rechten parkte sich ein Typ, der schon eingeschlafen war, bevor er überhaupt saß. Naja, so störte er wenigstens nicht.

Soweit war ja alles noch normal, doch das änderte sich schlagartig, als "Zitronengesicht" auftauchte! Riesenbaby schielte nur ungläubig nach links und ich musste wirklich bei mir halten, um nicht laut loszubrüllen, denn diese Type strafte jede Karikatur Lügen! Er sah aus wie eine dunkelhaarige Kopie von Piet Klocke, jedoch noch weitaus dürrer. Ständig an sich herumnestelnd, rümpfte er immer wieder die Nase derart zusammen, dass seine Brille auf Höhenflug ging. Irgendwie erinnerte er mich an eine dieser völlig zerknautschten Spitting Image Figuren.

Aber es kam noch besser! Eine ziemlich hektische Frau in den Fünfzigern steckte drei oder viermal den Kopf ins Abteil, um zu fragen, ob der noch freigebliebene Platz schon besetzt sei. Nachdem wir ihr endlich glaubhaft machen konnten, dass die Person, die diesen Platz reserviert hatte, nicht gekommen war, bat sie uns den Platz freizuhalten und drohte mit ihrer baldigen Ankunft. Unter ihren "Sachen" hatte ich mir eigentlich sowas wie Koffer und Mantel vorgestellt, doch nichts von dem. Stattdessen rückte sie mit einer riesigen Handtasche, die sie natürlich auf dem Boden und nicht etwa im Gepäckfach verstaute, und einem mysteriösen "Textilienstapel" an.

Und dann begann die Orgie! Nachdem sie sich hingesetzt hatte, wurden zunächst die Schuhe ausgezogen und fein säuberlich unter dem Sitz deponiert. Dann nahm sie von ihrem Stapel ein paar Haussocken, um sie über die nun fröstelnden Füßchen zu ziehen. Als nächstes entfaltete sie eine große Wolldecke, die sie über die ebenso fröstelnden Beine legte. Als krönenden Abschluß posaunte sie dann noch in ein aufblasbares Nackenstützkissen aus Gummi, das sie dann unter viel Gequietsche um ihren Hals legte. Meine Hände hatten inzwischen das gleiche Verlangen... Bevor sie endlich fertig war, wurde noch die Brille abgesetzt, das Brillenetui unter heftigem Wühlen in der Handtasche hervorgekramt und die Brille darin verstaut. Dann lehnte sie sich unter herzergreifendem Stöhnen zurück und schloss die Augen...

...für etwa zwei Minuten. Denn dann fiel ihr wohl auf, dass sie zur Toilette müsste. Also wurde das Kissen wieder vom Hals gerupft, die Decke zusammengefaltet, die Socken aus und die Schuhe wieder angezogen. Nur eines vergaß sie: ihre Brille wieder anzuziehen. Das wurde ihr aber erst schmerzlich bewusst, als sie auf dem Rückweg von der Toilette frontal gegen die Abteiltür lief, dass es nur so krachte! Riesenbaby und ich erstickten beinahe an unserem Lachanfall, aber die Gute ließ das völlig unbeeindruckt. Was folgte, kann sich jeder vorstellen... Schuhe aus und Socken an, Decke ausgebreitet und Kissen drappiert. Endlich machte sie wieder die Augen zu...

...für etwa zwei Minuten. Denn dann klingelte ihr Handy, das sie aus den Untiefen ihrer Handtasche hervorkramte. Man frage mich bitte nicht, warum man nicht mit Kissen und Decke telefonieren kann... na, wenigstens die Socken behielt sie an. Die Telefonorgie wiederholte sich gleich mehrfach, was allen Anwesenden einen Einblick in den reizenden Charakter der Guten gewährte, da sie lauthals ihre Erbstreitigkeiten diskutierte. Dass sie auch sonst kein Benehmen hatte, stellte sie schließlich unter Beweis, als sie einen Beutel mit Apfelscheiben hervorkramte und diese laut schmatzend mit offenem Mund vertilgte. Leider blieb uns die Gute bis Berlin erhalten, aber wenigstens Zitronengesicht verabschiedete sich in Hannover.

Als Ersatz erschien einer dieser Studenten in Nadelstreifen, ein Berater halt. Dunkelblauer Anzug, hellblaues Hemd, gelbe Krawatte. Naja, dachte ich mir, wenigstens ein normaler Mensch. Irrtum! Kaum, dass er sich Ohrhörer in die Ohren gestopft hatte, begann er ohne Unterbrechung kleinkindartig unverständliches Zeug vor sich her zu brabbeln.

An diesem Abend verließ ich den Zug heftig darüber nachgrübelnd, wie weit es mit der menschlichen Spezies tatsächlich gekommen ist...

Der Künstler.

Auf einer meiner Rückfahrten nach Köln hatte ich eine witzige "Begegnung" mit einem Künstler. Natürlich wusste ich zunächst noch nicht, dass er Künstler war, aber er fiel mir schon auf, als er minutenlang versuchte, einen riesigen Koffer in die Gepäckablage zu wuchten, anstatt ihn einfach in den freien Zwischenraum zwischen den Sitzbänken zu stellen, wo er wunderbar hingepasst hätte. Sein Erscheinungsbild mit langen grauen Haaren, Schal und langem Mantel erinnerte zudem an eine wilde Mischung zwischen Johannes Heesters und Doc Brown. An diesem Montagmorgen war es mal wieder furchtbar voll im Zug und die Menschen quetschten sich durch den Gang, um zu ihren Plätzen zu gelangen. Als von der Tür her das Warnsignal zur Abfahrt ertönte, fiel dem Guten ein, dass er noch aussteigen müsste! Unter wildem Gefuchtel drängelte er sich den Gang zurück zur Tür. Dort angekommen, drückte er sogar noch den Notauslöser der Tür, wartete jedoch vergeblich darauf, dass selbige sich öffnete, da er in seiner Aufregung übersah, dass er noch den Hebel hätte ziehen müssen. Zu spät, der Zug fuhr an - und das Schicksal nahm seinen Lauf...

Fortan hatte der große Meister ein schier ungebremstes Mitteilungsbedürfnis, dank dem der gesamte Wagen nun seine Leidensgeschichte in voller epischer Breite zu hören bekam. Eigentlich hatte er doch nur seine alte Mutter in den Zug bringen wollen, um dann zu einem Termin im Berliner Stadtrat zu hasten, dem er seine Pläne für das von ihm zu schaffende Kunstwerk zu präsentieren. Als hätte er meine aufkeimende Neugier, was das wohl wieder für ein schwachsinniges Steuerloch werden würde, gerochen, zeigte er auch schon eine Skizze herum. Zuerst dachte ich noch, er sei vielleicht doch Möbeldesigner für Ikea, aber nein, bei dem abgebildeten Möbel handelte es sich um eine zwanzig Meter hohe "Instuhlation". Ein überdimensionaler Stuhl also! Wieviel Koks muss man sich wohl durch die Gurke ziehen, um zu solch genialen Einfällen zu gelangen...

Immerhin traf er auf einige hilfswillige Menschen im Zug. Ein Fahrgast leierte ihm für die Benutzung seines Handys völlig selbstlos eine Einladung zur Einweihung aus dem Kreuz, natürlich samt Wochenendaufenthalt für zwei Personen in Berlin! Der Schaffner schließlich ließ Gnade vor Recht ergehen und ließ ihn ohne Fahrschein bis Wolfsburg mitfahren, verkaufte ihm aber gleich den Fahrschein für die Rückfahrt mit dem ICE Gegenzug. Der stehe in Wolfsburg gleich auf dem Gleis gegenüber am gleichen Bahnsteig. Allerdings müsse er sich beeilen, da der Zug nur wenige Minuten nach unserer Ankunft abfahre.

Da die Fahrt bis Wolfsburg eine geschlagene Stunde dauert, beglückte er seine armen Mitreisenden noch ein bißchen mit seiner wichtigen Arbeit - und quatschte sich dabei dermaßen fest, dass mir doch ein bißchen bange wurde, als wir in Wolfsburg einfuhren und er noch immer keine Anstalten machte, sich zur Tür zu begeben. Er würde doch wohl nicht nochmal...? Nein, tat er nicht. Aufgeschreckt durch einen wohl ebensowenig von dieser Aussicht begeisterten Fahrgast, hastete er zur Tür, an der er nun natürlich erstmal auf einige andere Aussteigende warten musste...

Ich sehe ihn noch heute vor meinem geistigen Auge, wie er wild schreiend über den Bahnsteig hechtete, nur um gegen eine geschlossene Wagentür zu klopfen. Keine Chance, der ICE fuhr ohne ihn los! Wenn Ihr jemals in Zukunft an der Wilmersdorfer Strasse in Berlin einen riesigen leuchtenden Stuhl seht, werden wir wissen, dass er es doch noch irgendwie zu seinem Termin geschafft hat. Und wenn nicht, mal ehrlich, wen schert's?

Der Schläfer.

Eine Lehrstunde darüber, wie man trotz fehlender Platzkarte einen eigentlich reservierten Sitzplatz behält, bekam ich von einem netten alten weißhaarigen Herrn, der mit seiner Frau und deren Schwester wohl von einer Beerdigung nach Hause fuhr.

Eigentlich hatte ja die Schwester versäumt zu reservieren, aber wie ein Gentleman alter Schule so ist, ließ er Frau und Schwester mir gegenüber sitzen und machte sich auf die Suche nach einem freien Platz. Den fand er auch gleich ein paar Reihen weiter, wobei ihn nicht im Geringsten zu stören schien, dass der Platz ab Dortmund reserviert war und er somit bestenfalls ein paar Minuten dort sitzen bleiben konnte. Aber die schienen ihm zu reichen, um seinen genialen Plan umzusetzen!

Kaum zwei Minuten später erfüllte ein herzergreifend zufriedenes Schnarchen den gesamten Wagen. Der Opa sägte, was das Zeug hielt! Das beeindruckte sogar den in Dortmund eingestiegenen Platzkarteninhaber so sehr, dass er, nachdem er ohnehin schon dreimal an seinem Platz vorbeigelaufen war, nicht den Mut fand, den armen alten Mann zu wecken und von "seinem" Platz zu vertreiben. Nach etwa einer halben Stunde wurde es ihm dann aber wohl doch zu bunt. Und siehe da, selbstverständlich räumte der innerhalb von Sekunden hellwache alte Herr sofort den Platz.

Um sich gleich darauf einen neuen zu suchen! Diesmal saß er ein paar Reihen hinter mir, sodass ich ihn nicht sehen konnte. Brauchte ich auch nicht, er war kaum später wieder unüberhörbar zugange. Diesmal hielt er bis kurz vor Bielefeld durch, ehe ein weiterer herzloser Platzkarteninhaber ihn endgültig vertrieb. Welch Zufall, dass die Schwester genau hier aussteigen musste und somit sein ursprünglich gebuchter Platz neben seiner Frau wieder für ihn frei wurde!

Die Aktion muss ihn aber doch ziemlich mitgenommen haben, denn kurz darauf verfiel er wieder in Tiefschlaf. Doch was war das? Wie durch ein Wunder kam diesmal kein einziger Schnarchlaut über seine Lippen!

Die Lemminge

Wie eingangs erwähnt, gab's über die Bahn in der ganzen Zeit eigentlich nicht viel zu meckern. So ganz unerwähnt soll sie aber doch nicht bleiben, brachte sich mich doch in den Genuss des schönsten Lemmingmarsches, den ich je auf einem Bahnsteig erleben durfte. Wer den Bahnhof Zoo in Berlin kennt, weiß, dass ausgerechnet der Fernbahnsteig mit den Gleisen 3/4 sehr schmal ist. Immer wieder kommt es dort zu heftigstem Gedrängel, wenn die aus einem der Regionalzüge Aussteigenden auf die Wartenden der ICE's treffen.

Dem setzte die Bahn die Krone auf, als sie zwei Minuten vor Einfahrt des ICE mitteilten, dass die Wagen des Zuges heute ausnahmsweise in entgegengesetzter Reihenfolge angeordnet seien! Somit mussten alle Reisenden von Abschnitt A/B nach E/D und die von Abschnitt E/D nach A/B. Nur wer wie ich in Abschnitt C einstieg, konnte praktisch stehen bleiben. Da der Bahnsteig so voll war wie noch nie, bildeten sich erzwungen diszipliniert zwei ordentliche Menschenkolonnen in gegensetzlicher Richtung, die mich sofort an den Marsch meiner heißgeliebten Lemmings erinnerte. Nur die grünen Haare fehlten...

Und selbst?

Bei aller Häme sollte man sich natürlich auch mal an der eigenen Nase packen und so überlege ich, was ich wohl auf all den Fahrten für ein Bild abgegeben habe. Zumindest einmal habe ich wohl für Belustigung gesorgt, als ich wie ein Eskimo in Fellstiefeln und dicker Lederjacke im sonnig warmen Köln ausstieg. Kunststück, fünf Stunden zuvor war ich noch in Potsdam durch Schnee und Eis gestapft! Ansonsten bin ich wohl höchstens dadurch aufgefallen, dass ich abwechselnd die Tasten meines Notebooks und meines Handys bearbeitet habe. Aber auch das hat eigentlich niemanden gestört, jedenfalls nachdem der geneigte Neugierige festgestellt hatte, dass ich tatsächlich arbeite und nicht nur Tetris oder ähnliches spiele (auch sowas gibt's). Verwirrung stiftete ich nur einmal, als ich die frisch erworbene Fähigkeit meines Notebooks, DVDs abspielen zu können, mal im Zug ausprobierte und mein Nachbar nicht wusste, ob er mitschauen oder betont teilnahmslos wegschauen sollte. Er entschied sich für die innere Einstellung "I'm too fucking cool for this!" und setzte sich eine Reihe weiter...

Epilog.

Es mag pathetisch klingen, aber da ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Zug zurück nach Köln - auf meiner wohl letzten Fahrt dieser Art. Das nächste Mal werde ich mit einem Umzugswagen nach Potsdam fahren, um meine Maus mit mir nach Köln zu nehmen. So schliesst sich mit dieser Fahrt ein ereignisreiches Kapitel in meinem Leben. Hinter mir liegt eine Zeit, die ich um nichts in der Welt missen möchte, auch wenn die Fahrerei und die damit verbundenen Trennungen nicht immer einfach waren. Aber da waren ja auch all die wunderschönen Wiedersehen, auf die es sich zu warten lohnte.

Irgendwie werde ich diese Fahrten vermissen. Aber genauso freue ich mich darauf, diese Strecke künftig hin und wieder zusammen mit meiner Maus zu fahren, um meine Schwiegereltern und den verrückten Haufen in Berlin zu besuchen!

So, und jetzt werfe ich 'ne DVD rein und schaue mir zur Freude der Kinder gegenüber einen Horrorfilm an...

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