| 06. Februar 2012, 14:55:07 |
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Ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, als meine Eltern das erste Mal mit mir auf die Burg Stolpen fuhren. Stolpen ist ein Kleinstädtchen, etwa eine Stunde von Dresden entfernt. Schon von klein auf faszinierten mich alte Gemäuer, sodass ich in Stolpen schnell zu begeistern war. In diesem zarten Alter, da ich das erste Mal herkam, hielt mich auch noch der Zauber alter Geschichten und Märchen gefangen. So war ich sehr schnell von der Geschichte der hier 49 Jahre gefangenen Gräfin Cosel fasziniert. Sicher waren es damals ganz romantische Vorstellungen, die mich begeisterten... vielleicht dachte ich: "Ein ganzes Schloss, die ganze Burg für eine Gräfin?" Ich war begeistert von ihrem Paradebett, von der luxuriösen Ausstattung der Räume... wie im Märchen! Und ich hatte meinen Spass an der Toilette des Turmes, in dem die Gräfin gefangen sass. Das das alles in Wirklichkeit nicht eben witzig war - zu dieser Erkenntnis gelangte ich erst im Laufe der nächsten Jahre. Im Wohnzimmer meiner Eltern hing ein Cosel-Portrait, sodass ich "meine" Gräfin täglich vor Augen hatte. Als ich etwa 14-16 Jahre alt war, verstärkte sich mein Interesse an der Lebensgeschichte der Cosel. Nun weilte ich wenigstens ein Mal im Jahr auf Stolpen. Inzwischen habe ich einiges über sie zusammengetragen, lese verschiedene Biographien und verzweifle fast daran, dass es offenbar kein Bildnis gibt, das eindeutig ihr Aussehen wiedergibt. Sie muss eine für ihre Zeit ungewöhnlich schöne Frau gewesen sein... So beschreibt sie Karl Ludwig von Pöllnitz: "Sie hatte ein längliches Gesicht, eine wohlgestaltete Nase, einen kleinen Mund; überaus schöne Zähne, schwarze, große, lebhafte und muntere Augen, schwarze Haar, eine wunderschöne Brust; ihr Hals, ihre Hände und ihre Arme waren wohl gebildet, ihre Farbe war ungemein natürlich, meistenteils aber weiß und rot. Ihre Leibesbildung konnte wie ein Meisterstück gelten; ihr Ansehen war prächtig, und sie tanzte mit der äußersten Vollkommenheit."
Geboren wurde sie am 17. Oktober (manche Quellen geben den 18. Oktober an) 1680 in Depenau in Holstein als Anna Constantia von Brockdorff. Mit 14 Jahren wird sie auf Schloss Gottdorf bei Herzog Christian Albrecht von Schleswig-Holstein Hoffräulein seiner Tochter Prinzessin Sophie Amalie. Als diese 1695 den Erbprinzen von Braunschweig-Wolfenbüttel heiratet, geht Constantia als Hoffräulein mit in das Schloss nach Wolfenbüttel, wo die ältere Linie der Welfen regiert und residiert. (Aus der jüngeren Welfen-Linie kennt man unserer Tage Ernst August von Hannover!) Bis 1703 lebt Constantia in Wolfenbüttel, bis sie durch eine uneheliche Schwangerschaft (man vermutet die Vaterschaft im Bruder des Erbprinzens) des Hofes verwiesen wird. Im Frühjahr 1703 bringt sie auf Depenau das Kind zur Welt, doch ist dessen Schicksal unbekannt. Kurz darauf umwirbt sie Adolf Magnus von Hoym - der Direktor der sächsischen Steuerbehörde - und ehelicht sie am 2. Juni 1703. Constantia folgt ihrem Mann nach Dresden, wo sie zunächst zurückgezogen lebt, bis sie auf ihren neuen Landesherrn, Kurfürst Friedrich August I, zugleich als König von Polen August II trifft. (Heute ist er als August der Starke besser bekannt.) | ||||
![]() August der Starke | August der Starke ist bekannt für seine ständig wechselnden Liebschaften, Abenteuer... schöne Mätressen sind sein Aushängeschild. Er verliebt sich in Anna Constantia von Hoym und umwirbt sie wie eine Braut. Ihre Ehe ist mittlerweile aus anderen Gründen geschieden, als sie endlich einwilligt, dem Kurfürsten zu eigen zu werden. Doch fürchtet sie nach der Schande ihres unehelichen Kindes und ihrer Scheidung um ihre Ehre. Sie verlangt von August einen Ehevertrag. Für die damalige Zeit war das unerhört und sehr gefährlich. Doch August war ihr schon so verfallen, dass er einwilligte, sie als Ehefrau zur Linken (insgeheim natürlich) und aus dieser Beziehung hervorkommende Kinder als legitime Prinzessinnen und Prinzen anzuerkennen. Ausserdem versprach er, Constantia nach dem Tod der Königin rechtsmässig zu ehelichen. Diesen Vertrag verwahrte Constantia im Familienbesitz und willigte ein, sich zur offiziellen Mätresse erheben zu lassen. Inzwischen ist sie Reichsgräfin von Cosel und residiert im - eigens für sie erbauten - Taschenbergpalais in Dresden, das - eigens für sie - durch einen überdachten Gang mit dem Dresdner Schloss verbunden wird. Es folgen acht glückliche Jahre, in denen die Cosel August dem Starken drei Kinder zur Welt bringt:
Am Dresdner Hof machte sich die Cosel im Laufe der Jahre Feinde durch ihr emanzipiertes Auftreten. Sie mischte sich in die Politik ein, wollte August dem Starken die Augen darüber öffnen, welches Spiel seine Minister trieben. Das war denen natürlich nicht eben recht. Sie arbeiteten nun - unter Führung des obersten Günstlings Flemming - auf den Bruch des Kurfürsten und Königs mit der Cosel hin. Zunächst führte man August eine neue Mätresse zu, Gräfin Dönhoff. Die Cosel wurde unter strengen Auflagen vom Hof nach Pillnitz verbannt, ihrem Witwensitz. Das liess sie sich nun nicht gefallen. Sie kämpfte um ihr Recht. August verlangt mittlerweile den Ehevertrag zurück. Da sie ihren Verbannungsort nicht verlassen durfte, der Ehevertrag jedoch im Holsteinischen Familienbesitz lag, konnte sie ihn nicht herausgeben. In den folgenden Jahren ist die Cosel über Berlin, Potsdam und Halle auf der Flucht vor August dem Starken. | |||
![]() Grabstätte der Gräfin Cosel | Im November 1716 wird sie gefasst und zunächst vier Wochen im leer stehenden Schloss Nossen gefangen gehalten, bis sie auf Erlass des Augusts am 24. Dezember 1716 auf die Burg Stolpen gebracht wird - ohne Anklage, ohne Verteidigung. Zeit ihres verbleibenden Lebens wird sie nicht erfahren, warum sie inhaftiert wurde... und die Burg nie mehr verlassen... bis sie am 31. März 1765 stirbt.
Natürlich ist das jetzt nur eine kleine Zusammenfassung der Lebensgeschichte "meiner" Gräfin. Die Faszination hat sie nicht für mich verloren, obwohl es kaum noch Neues gibt. Es sei, es taucht mal wieder ein "neues" Gemälde von ihr auf oder Kunsträuber machen sich in Stolpen zu schaffen... Noch Fragen?
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Gräfin Cosel