| 01. August 2010, 11:27:05 |
| Home | Topics | Einloggen |
|
| |
| Wenn man je von einem Musiker behaupten wollte, daß seine Musik seit frühester Jugend mein Leben begleitet hat, dann ist es der französische Klangvirtuose, Multimediakünstler und Urvater der elektronischen Musik, Jean Michel Jarre. Seit jenem denkwürdigen Tag im Jahre 1976 hat Jarre immer wieder nachhaltig mein Leben beeinflußt, sei es durch seine Musik, die mir nicht nur in guten Zeiten immer wieder ein besonderes Gefühl von Ruhe und Frieden gegeben hat, oder durch seine unvergleichlichen Konzerte, die dem Wort Superlativ jedesmal eine neue Bedeutung gegeben haben. Folgt mir auf eine Reise durch mehr als 25 Jahre meines Lebens, auf den Spuren eines wahren Mythos... Am Anfang war die Kirmes. | |
| Ich werde wohl nie diesen Tag vergessen, an dem mich meine beiden Brüder Ende 1976 auf diese Kirmes mitnahmen. Damals war irgendwie noch alles etwas anders. Die Karussells konnte man noch ohne Sauerstoffmaske ertragen und bezahlbar war das ganze auch noch einigermaßen. Am auffälligsten für mich war aber damals die Musik, die auf all den Attraktionen lief. Statt dem heute üblichen Ramba-Zamba-Ballermann-Schlager-Mist wurden damals nämlich die absoluten Tophits gespielt. Wie es der Zufall so wollte, waren zu diesem Zeitpunkt zwei Titel der absolute Renner, die es besonders den Karussellbesitzern angetan hatten, weil sie wohl so schön "spacig" klangen: Magic Fly von Space und Oxygene von Jean Michel Jarre! Nur um diese Titel zu hören, fuhren wir so oft mit den Karussells, bis wir kein Geld mehr hatten, und rannten von Attraktion zu Attraktion, je nachdem wo gerade einer der Titel lief. Nun war es 1976 so, daß es noch als Luxus galt, eine eigene Stereoanlage zu besitzen. Das Wörtchen HiFi gehörte noch zu den schier unerschwinglichen Techniken der Zukunft. Während meine älteren Brüder eine solche Anlage stolz ihr eigen nennen durften, war ich mit meinen damals 10 Jahren natürlich noch nicht so weit. Und so kam es, daß Oxygene und der Name Jean Michel Jarre nach einer Weile wieder in Vergessenheit gerieten. Schließlich wurde 1978 unser Familienleben durch den Tod meines nächstälteren Bruders Alfred überschattet, was später für mich zu einen ganz besonderen Bezug zwischen Oxygene IV, wie der Titel eigentlich heißt, und meinem Bruder führte. Noch heute erinnert mich Oxygene IV immer an meinen verstorbenen Bruder. Die Wiederentdeckung. | |
| Es sollte bis 1979 dauern, ehe ich wieder mit Jarre in Berührung kam. Ich war wie so oft zu Besuch bei einem Schulkameraden, der, dank recht wohlhabender Eltern, mal wieder ein neues Spielzeug zu zeigen hatte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich fassungslos vor diesem edlen, schwarzen, gerade mal 5cm hohen Cassettendeck mit vollautomatischem Einzug und LED-Ketten-Pegelanzeige stand. HiFi-Bausteine im 44cm Format waren damals brandneu! Um das Teil noch eindrucksvoller zu präsentieren, hatte er eine Cassette mit einem phantastischen Titel eingelegt: Equinoxe V. Das vollaufgedrehte Krachen des Donners am Titelanfang hat mir damals fast die Ohren weggehauen! Aber ich erkannte auch den Stil der Musik wieder und erinnerte mich sofort wieder an Oxygene. Es brauchte nur einen Tag, bis ich stolzer Besitzer beider Alben war! Der Virus hatte mich gepackt, von da an gab es kein zurück mehr... | |
![]() Place de la Concorde 1979 | Daß Jarre zu dieser Zeit bereits erste Erfahrungen mit Live-Auftritten machte, blieb mir zunächst verborgen. Zum einen war der Informationsfluß damals mangels Internet oder ähnlicher Medien viel zu spärlich. Zum anderen hätte ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht die Möglichkeiten gehabt, nach Paris zu fahren um ihn zu sehen. Sei's drum, in diesem Jahr veranstaltete Jarre erstmals ein eintrittsfreies Open-Air-Konzert am Place de la Concorde, wo er sich mit all seinen Synthesizern auf einer recht kleinen Bühne rund um den Obelisken postierte und passend zur Musik diese gigantischen Projektionen (Globos) auf die umliegenden Häuserfronten warf, für die er später berühmt werden sollte. Zu aller Überraschung versammelten sich 1 Million Menschen auf dem Place und der Champs! Der Klang ist die Musik. |
| 1981 erschien mit Les Chants Magnetiques / Magnetic Fields Jarres drittes Album. Inzwischen war ich als Fan natürlich besser informiert über alles, was Jarre anging (und auch etwas besser bei Kasse) und kaufte mir das Album sofort nach Erscheinen. Der Stil war nun etwas anders als bei den beiden vorangegangenen, ähnlich klingenden Alben. Getreu dem Motto Jarres, daß Musik nicht eine Ansammlung von Noten und Instrumenten, sondern die Kunst des Formens von Klängen ist, experimentierte er jetzt bewußt mit Klängen, die direkt dem Alltag entnommen waren. So fand sich auf Magnetic Fields ein Düsenjäger genauso wieder wie ein durchfahrender Güterzug oder ein Ping-Pong-Ball. Tatsächlich waren dies die ersten Indizien dafür, daß er später einer der allerersten Künstler werden sollte, die Samples benutzten. Abenteuer China. | |
![]() ![]() China 1981 | Es ist für mich immer wieder belustigend, mit welch raffinierten Formulierungen einige Musiker für sich in Anspruch nehmen, zuerst im kommunistischen China aufgetreten zu sein. So war beispielsweise BAP angeblich die erste Rockgruppe, die in China spielen durfte. Man beachte die Betonung auf das Wort Rockgruppe. Wie auch immer, der erste westliche Musiker, der tatsächlich in China auftreten durfte, war -ihr habt's erraten-, Jarre! Oktober 1981 absolvierte er unter allerlei bürokratischen wie technischen Problemen insgesamt fünf Konzerte in Peking und Shanghai. Bemerkenswert war dabei der für damalige Verhältnisse riesige technische Aufwand, vor allem was den Einsatz von Lasern betraf. Die Konzerte waren ein großer Erfolg. Allerdings erst, nachdem Jarre selbst einen Großteil der Karten aufkaufte und im normalen Volk verschenkte! Die chinesischen Behörden hatten nämlich für das erste Konzert einfach die Karten an eine Horde Militärs verteilt und diese zum Konzertbesuch verdonnert, während der gewöhnliche Chinese keine Chance hatte, eine Karte zu ergattern. So kam es, daß das erste Konzert von gelangweilten Uniformen mäßig beklatscht wurde, während bei den folgenden Konzerten die Besucher völlig aus dem Häuschen gerieten. Spätestens, als Jarre ein Keyboard mit den Worten "Jeder kann Musik machen!" in die Menge hielt. |
| Von all dem erfuhr ich natürlich erst später, denn was interessiert schon die deutsche Presse, wenn ein französischer Musiker in China auftritt? Immerhin lief etwas später der speziell für China komponierte Titel Orient Express im Radio, und so langsam sickerten schließlich auch die Informationen durch. Ende 1982 erschien dann das Live-Doppelalbum Les Concerts en Chine / The Concerts in China, das für mich mit seinen Neukompositionen, Kollaborationen mit chinesischen Musikern und überlangen Liveversionen bekannter Stücke einen absoluten Höhepunkt darstellte. Alles anders. | |
| 1984 erschien mit Zoolook Jarres viertes Studioalbum - und alles wurde anders! Als einer der ersten Musiker weltweit (zur gleichen Zeit arbeiteten Bognermayr & Zuschrader an Erdenklang) war Jarre nämlich in den Besitz eines Instruments gekommen, daß es so noch nie gegeben hatte: den Fairlight CMI! Heute schon fast der Inbegriff eines Samplers schlechthin, war der Fairlight der erste Computer, mit dem man real aufgenommene Klänge bearbeiten und sequenzergesteuert in jeder Tonlage wieder abspielen konnte. Jarre produzierte gleich das ganze Album mit dem Fairlight und änderte seinen Musikstil radikal, indem er als Instrumente ausschließlich menschliche Stimmen in Form von Wortfetzen aus mehreren dutzend Sprachen benutzte. So mußte das deutsche Wort "Eifersucht" gleich als kompletter Leadtext für einen Titel herhalten. Das Ergebnis war zunächst ziemlich gewöhnungsbedürftig, begründete letztlich jedoch einen Boom bei der Verwendung von Samples in der Popbranche. Sampling war einfach in! Nachdem sich die Aufregung um dieses radikal andere Konzept etwas gelegt hatte, wurde es eine Weile ziemlich ruhig um Jarre. Es war die Ruhe vor dem Sturm, denn nur ein Jahr später sollte Jarre endgültig vom wegweisenden Musiker zum Mythos werden...
| |
| Terms of Use | Imprint | FAQ | Copyright ©2000-2010 Doreen & Rainer Kaufmann |
1976