|   <   |   >   |
[x]
   
06. Februar 2012, 14:59:35
  Home   Topics   Einloggen  

Am Mittwoch, den 12. Juli 1989 brach ich mit 7 Freunden zu der Paris-Tour auf, die mir den langersehnten Wunsch, einmal Jean Michel Jarre live erleben zu können, erfüllen sollte. Auch wenn nicht alle Teilnehmer ausschließlich wegen des Jarre Konzertes zur Feier des 200sten Jahrestages der Französischen Revolution mitkamen, so waren sie doch zumindestens furchtbar neugierig auf das, was da auf sie zukam und ich ihnen in den höchsten Tönen angepriesen hatte.

Die erste Ernüchterung folgte, als in all dem Trubel um die Feierlichkeiten nirgendwo Hinweise auf das angekündigte Konzert zu finden waren. Aber schließlich sollte es ja in La Defense, dem im Westen gelegenen Hochhausviertel von Paris stattfinden, also machte ich mir noch keine großen Sorgen.

Am 14. Juli, dem Tag der Revolution, sahen wir uns zunächst die gewaltige Militärparade an, obwohl ich schon Sorge hatte, nicht rechtzeitig genug am Setting zu sein, um einen guten Platz weit vorne zu bekommen. Als meine Mitreisenden endlich die Nase voll von Panzern und Soldaten hatten, machten wir uns auf den Weg raus zur Defense.

Zum ersten Mal in diesem Viertel, war ich schon ziemlich beeindruckt von der futuristischen High-Tech Architektur der Defense. Und siehe da, gleich einem Camp waren hier etliche große weiße Zeltbauten innerhalb eines abgesperrten Terrains aufgebaut. Aber irgendwie fehlte hier etwas wesentliches: eine Bühne!

Concert? Non.

Grand Arche Paris / La Defense
Grand Arche
Paris / La Defense

Nachdem wir unsere letzten Brocken Französisch aktivierten und einen offensichtlich genervten Flic, pardon Polizisten fragten, wo denn nun genau das Konzert stattfinden würde, wurde uns unmissverständlich klargemacht, hier fände der Weltwirtschaftsgipfel statt. Von einem Konzert wusste er nichts.

Niemand kann sich die Frustration, Enttäuschung und Wut vorstellen, die da in mir hochkochte! Dank meiner Freunde wurde ich davon abgehalten, den Gesetzeshüter lauthals anzubrüllen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so getobt zu haben...

Weil ich es einfach nicht wahrhaben wollte, fragte ich nach unserer Rückkehr in die Innenstadt noch diverse Polizisten und so ziemlich jeden der eine Uniform welcher Art auch immer anhatte. Aber es half nichts, niemand konnte mir eine Auskunft geben. Schließlich musste ich einsehen, daß Jarre sein Konzert wohl nicht als Überraschung im Geheimen vorbereitet hatte, sondern wirklich kein Konzert stattfand. Die anderen fanden sich irgendwie damit ab, doch für mich war der Urlaub gelaufen.

Concert d'Images.

So schluffte ich denn missmutig hinter den anderen her, besuchte die ein oder andere Sehenswürdigkeit, die ich im Gegensatz zu einigen meiner Freunde ohnehin schon kannte, und blies Trübsal. In diesem traurigen Zustand muß Gott wohl Mitleid mit mir gehabt haben, denn er sorgte dafür, daß wir Samstagmittag Hunger bekamen und beschlossen, unser altes Stammrestaurant am Forum Les Halles aufzusuchen. Und auf dem Weg durch die Untergeschosse dieses Einkaufscenters traf mich fast der Schlag. Von einer hohen Betonwand hing ein riesiges Banner mit dem Signet Jarres! Von plötzlicher Hoffnung getrieben war der Hunger erstmal vergessen und ich rannte schnurstracks in den Laden unter diesem Banner.

Der Laden hieß Espace Photo Paris, war wohl eine Galerie und beherbergte eine Ausstellung von Jean Michel Jarre mit dem Titel Concert d'Images. Noch heute muß ich bei diesem Titel bitter lächeln, weil er aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit zu Konzert im Arsch zum geflügelten Wort wurde.

Sei's drum, ich konnte wieder lachen und besuchte die Ausstellung zweimal. Einmal, um mir alles in Ruhe anzusehen, mir ein Poster und das limitierte Buch zur Ausstellung zu kaufen, für das mir meine total genervten Freunde bereitwillig noch Geld liehen, und einmal um doch noch alles zu fotografieren, nachdem man mich das erste Mal mit der Kamera erwischt hatte.

Abgesehen von tollen Ausstellungsstücken wie alten und neuen Synthesizern, Kuriositäten wie Jarres Musikroboter sowie einer Videopräsentation über neun nebeneinander installierte Monitore machten zwei Dinge diese Ausstellung zu einem absolut unvergesslichen Erlebnis.

Die Laserharfe.



Hinter einer dicken Glasscheibe mit eingelassenen Handschuhen, wie man sie sonst nur aus Versuchslaboren kennt, war doch tatsächlich Jarres Laserharfe aufgebaut! Und ich durfte sie spielen!

Naja, zumindest hab ich es versucht. Die Laserharfe besteht aus einem Fächer von bis zu vierzehn nach oben abstrahlenden grünen Laserstrahlen, von denen jeder einen Ton repräsentiert. Unterbricht man einen Strahl, wird der entsprechende Ton von einem angeschlossenen Synthesizer gespielt. Somit läßt sich jeder beliebige Ton über eine Oktave spielen. Zum Wechsel zwischen den Oktaven dient ein Fußpedal (was hier logischerweise fehlte) oder ein entsprechend programmierter Laserstrahl. Soweit war mir die Sache auch vorher schon klar. Sollte also nicht so schwer sein, ein paar Noten zu spielen. Gemeinerweise hatte man aber den Pitchbend des Synthesizers mit dem Reflexionswert der Laser gekoppelt. Im Klartext: je nachdem auf welcher Höhe man den Strahl unterbrach, wurde der Ton nach oben oder unten auf der Tonskala verzerrt. Das machte die Sache natürlich ungleich schwerer, verführte aber auch zum wilden Herumspielen. Dieses Teil machte einfach unendlich Spaß. Leider kann man dieses übrigens von Philip Guerre entworfene Instrument bis heute in keinem Laden dieser Welt kaufen...

Traummusik.

Das zweite bemerkenswerte an der Ausstellung war die im Hintergrund laufende Musik, die nie zu enden schien. Sie war sehr ruhig, friedlich, beinah monoton und doch nie gleich, unaufdringlich und fast schon hypnotisierend. Ich war völlig fasziniert von diesem Stück und wäre am liebsten noch stundenlang geblieben um weiter zuzuhören, wenn meine Freunde nicht langsam ungeduldig geworden wären, da sie nach wie vor Hunger hatten. Wie man bei solcher Musik nur an sowas profanes wie Essen denken kann... Erst ein knappes Jahr später sollte ich diese Musik wieder hören, als das 47-minütige Stück Waiting for Cousteau auf dem gleichnamigen Album.

Schicksalhafte Begegnung.

Mit dem neuen Jahr 1990 trat ein Mensch in mein Leben, der mein Dasein als Jarre Fan nachhaltig verändern sollte und mit dem mich inzwischen weit mehr verbindet als nur die gemeinsame musikalische Vorliebe. Stefan ist schon lange einer meiner engsten Freunde geworden. Ich arbeitete zu der Zeit noch am Postschalter in Köln Chorweiler, als er eines schönen Tages vor mir stand und sich als neuer Kollege vorstellte. Schnell hatten wir uns angefreundet und über das gemeinsame Hobby ausgetauscht. Es gab ja eine Menge zu erzählen...

Oui!

Er war es auch, der die Nachricht aufschnappte, daß das 1989 ausgefallene Konzert genau ein Jahr später nachgeholt werden sollte! Von neuem Enthusiasmus gepackt telefonierte ich mich durch die ganze französische Botschaft und halb Paris und tatsächlich, diesmal schien es einfach jeder zu wissen. Wo ich auch nachfragte, die einvernehmliche Antwort lautete: Oui!

Nach dem Reinfall vom letzten Jahr waren trotzdem nicht mehr so viele bereit, ein Risiko einzugehen und wieder mitzufahren. Neben Stefan waren es nunmehr nur noch Jörg und dessen Freundin Sylvia, die zu begeistern waren. Also setzte ich mich wieder ran und organisierte die nächste Parisfahrt. Diesmal musste es einfach klappen!

Ölfässer und Fraktale.

Ausschnitt: Calypso II
74s | 1014k 
Waiting for Cousteau
1990

Als erster positiver Hinweis erschien im Frühjahr 1990 dann auch Jarres siebtes Studio-Album: Waiting for Cousteau. In Anlehnung an den Buchtitel Waiting for Godeau benannt, ist es eine Hommage an den Zoologen, Meeresforscher und Abenteurer Jacques Cousteau, ein guter Freund Jarres.

Die ersten drei Tracks des Albums, nach Cousteau's Schiff Calypso benannt, bilden einen rund 20-minütigen Zyklus, der rund um das Thema Meer mal mystisch, druckvoll oder auch heiter daherkommt. Besonders die von einer Calypso-Truppe gespielten Ölfass-Trommeln prägen diese Tracks.

Der vierte Track des Albums belegt gleich den ganzen Rest der CD: satte 47 Minuten. Zu meiner großen Überraschung handelte es sich um den mysteriösen Track, der auf der Ausstellung gelaufen war. Zu diesem Track gab es aufgrund der Länge sehr viel Kritik. Von Zeitschinderei und Betrug am Kunden war die Rede. Alles Unfug meiner Ansicht nach! Tatsächlich ist das Stück längst zu einem meiner Lieblingsstücke avanciert, ohne das ich mir die Wartezeit vor einem Konzert gar nicht mehr vorstellen kann. Aber davon später mehr...

Erstaunlicher aber war die Information, die ich erst viel später erhielt, daß dieses Stück mittels eines speziellen Computerprogramms erstellt wurde, dem sogenannten Fractal Composer. Dieses erzeugt ähnlich einem Mandelbrot-Algorithmus aus einer vorgegebenen Menge von Klangmustern ein unendliches Musikstück aus immer neuen, sich nie wiederholenden Variationen. Einem unbestätigten Gerücht zufolge soll Waiting for Cousteau mehrere Jahre lang in einem japanischen Meerespark gelaufen sein. Sozusagen live generiert aus dem Computer. Damit wäre es wohl das längste Musikstück aller Zeiten...

Pre-Production.


Die Planungen für diese Tour stellten sich als schwieriger heraus, als zunächst angenommen. Es schien beinahe unmöglich, noch ein Hotelzimmer in Paris zu ergattern. Die Züge waren brechend voll, sämtliche Kontaktpersonen in Deutschland wie in Frankreich völlig entnervt. Das Gefühl, etwas ganz großes vorzubereiten, machte sich langsam in mir breit. Nach einigem Hin und Her bekam ich doch noch Fahrkarten und Hotelzimmer, das wichtigste war geschafft. Doch noch viele andere Details mussten bedacht werden. So musste neues Filmmaterial her. Die Erfahrungen des letzten Jahres mit den Fotografien bei Nacht hatten gezeigt, daß mit 400 ASA Filmen einfach nichts auszurichten war. Für die Konzertaufnahmen mussten einfach 1000 ASA Filme her. Schließlich erlaubte ich mir noch einen besonderen Gag. Meiner Sache mittlerweile völlig sicher, fertigte ich T-Shirts mit der Aufschrift Jarre Live auf der Vorderseite und Jean Michel Jarre Fan Tour Paris 13.-15.7.90 auf der Rückseite an!

So vorbereitet brachen wir am 13. Juli 1990 erneut nach Paris auf...

Die Ankunft.



Im Gegensatz zur 89er Tour, bei der wir nach unserer Ankunft vergeblich nach Konzert-Postern gesucht hatten, waren diese dieses Jahr das erste, was wir sahen, als wir aus dem Bahnhof kamen. Riesige Anzeigetafeln wiesen außerdem an jeder Straßenecke auf den Beginn des Konzerts und die günstigsten Verkehrsverbindungen zur Defense hin.

Nachdem wir trotz falschen Zuges in Paris angekommen waren und unser Gepäck ins Hotel gebracht hatten, in dem wir dann später doch keine Zimmer kriegen sollten, ging es erstmal in die nächste offene Brasserie zum Frühstück. Danach brachen wir auf zur Militärparade auf der Champs. Hier gab es jedoch nichts zu sehen, was wir nicht schon 1989 zur 200 Jahrfeier gesehen hatten. Ein paar Flugzeuge, Soldaten, mehr Soldaten, noch mehr Soldaten... Also machten wir uns auf den Weg zurück zum Hotel.

Nach einer kleinen organisatorischen Änderung (wir wechselten mal eben das Hotel) ging es dann Richtung Defense. Vorher genossen wir jedoch noch die exquisite französische Küche im nächsten Burger King.

Pont Neuilly. 16.00 Uhr.




Wir waren am Ziel. Einige Zehntausend drängten sich bereits entlang der Straße, die ein paar Minuten später gesperrt wurde. Jarres Bühne, eine 25 Meter hohe und 18 Tonnen schwere Pyramide, thronte unübersehbar am Eingang zur Defense. Riesige Boxentürme standen in Abständen entlang der gesamten Avenue Charles de Gaulle. Nachdem wir einen Häuserblock und etliche Absperrungen umgangen hatten, fanden wir doch noch einen Weg auf die Brücke und schlugen uns soweit wie möglich nach vorne durch. Erst aus der Nähe wurde die enorme Größe der Bühne erkennbar. Immerhin fanden darauf knapp 200 Musiker Platz.

Gegen 16.30 Uhr hatten wir uns eine Platz gesichert, mitten zwischen Tausenden von Jarre Fans. Etwa 10 Meter hinter der vordersten Absperrung sollten wir ganz vorne mit dabei sein! Doch noch trennten uns sechs lange Stunden vom Konzert. Sechs Stunden in brütender Hitze, auf heißem Asphalt. Zumindest fiel das Dösen nicht schwer. Sechs Stunden lang Waiting for Cousteau...

22.15 Uhr war die Sonne fast untergegangen und 2 Millionen Menschen wieder auf den Beinen. Letzte Lichtests flimmerten immer wieder über die Hochhäuser. Es konnte sich nur noch um Minuten handeln.

Pont Neuilly. 22.30 Uhr.

Der Countdown begann! Alle Strapazen waren vergessen. All der Ärger mit Zug und Hotel. In diesem Moment zählte nur eins: das Konzert begann und wir waren dabei!

Cinque!Quatre!Trois!Deux!Un!

Zero!
Willkommen zu
JEAN MICHEL JARRE - PARIS / LA DEFENSE
UNE VILLE EN CONCERT


(Konzertbilder überspringen)

Terms of Use | Imprint | FAQ Copyright ©2000-2012 Doreen & Rainer Kaufmann
Powered by MySQL Powered by PHP
Prüfe XHTML 1.0 Prüfe CSS